Müssen wir alles vergeben?
- vor 2 Tagen
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Jeder kann sich daran erinnern, dass man sich als Kind bei jemandem entschuldigen musste, der es nicht verdient hatte. Wir konnten den Widerwillen in unserem kleinen Körper spüren und die Entschuldigung ist uns schwer über die Lippen gekommen. Trotzdem haben wir es getan, weil uns erklärt wurde, dass der Klügere nachgibt. Unser Körper hat aber genau gewusst, dass hier eine Grenze missachtet, dass uns Unrecht angetan worden ist. Dennoch haben wir uns mit gesenktem Kopf gefügt und ein unehrliches, kaum hörbares „Entschuldigung“ gemurmelt, um die Erwachsenen glücklich zu machen.

So wird uns schon früh eingetrichtert unmögliches Verhalten zu rechtfertigen und zu tolerieren. Wie brave Lämmer halten wir auch noch die andere Wange hin, damit die toxischen Übeltäter brav unserer Gutmütigkeit und unserer Geduld auf ein Neues missbrauchen können. Der Zyklus des toxischen Missbrauchs geht in die nächste Runde und wir sind fest davon überzeugt, dass Verständnis und Vergebung alles besser machen wird. Leider spielen toxische Persönlichkeiten nicht nach den Regeln der Fairness oder der Empathie. Sie nutzen gutgläubige Gutmenschen einfach vollkommen egoistisch aus ohne Rücksicht auf Verluste.
Religiöse Lehren bläuen uns schon seit tausenden von Jahren ein uns klein zu machen. Das Erdenleben ist eine Qual und wenn wir uns nicht versündigen wollen, dann müssen wir die grausame Realität hinnehmen. Müssen wir das wirklich? Müssen wir unmögliches Verhalten tolerieren? Müssen wir uns klein machen? Müssen wir immer Verständnis und Geduld haben mit toxischen Menschen, die eigentlich einen ordentlichen Tritt in den Allerwertesten verdient hätten? Müssen wir wirklich immer lieb und nett zu Menschen sein die böse und gemein sind? Ich bezweifle sehr stark, dass wir dafür einen Lorbeerkranz im Jenseits verliehen bekommen werden. Vielmehr ermöglichen wir durch unser Einverständnis mit ihrem schlechten Verhalten dieses erst. Wenn wir die Übeltäter nicht in ihre Schranken verweisen, dann überfahren sie uns mit wehenden Fahnen und zwar immer und immer wieder.
Vergebung ist ein wunderschönes Konzept. Haben wir jemandem vergeben, dann zeigt das, dass wir abgeschlossen haben, dass diese Person oder dieser Vorfall keine starke emotionale Reaktion mehr bei uns auslöst, dass wir unsere Lektion gelernt und diese Episode hinter uns gelassen haben. Wir sind frei und unbelastet von der Vergangenheit. Lebt man allerdings mit einer toxischen Person unter einem Dach und kann nicht aus, dann kann man sich darauf einstellen, dass man immer wieder verletzt wird. Leere Entschuldigungen wechseln sich mit toxischem Missbrauch ab, aber das Verhalten an sich ändert sich niemals. Muss man das wirklich vergeben?
Wäre es nicht besser sich darüber zu informieren, wie toxische Menschen ticken, damit man aufhören kann ständig die Schuld bei sich selbst zu suchen, sich klein zu machen, in einer Endlosschleife des übermäßigen Grübelns festzustecken und sich selbst im toxischen Egotrip des Partners vollkommen zu verlieren. Selbstfürsorge und radikale Akzeptanz wären doch wesentlich besser Entscheidungen, anstatt nicht zu rechtfertigendes Verhalten gut zu heißen, sich zu entschuldigen, obwohl die Schuld beim anderen liegt, und die eigenen Bedürfnisse zu verleugnen, um unwürdige Menschen glücklich zu machen.
Toxische Menschen respektieren die Grenzen anderer Menschen grundsätzlich nicht, trotzdem kann man für sich selbst stille Grenzen setzten. Man kann heimlich entscheiden, was man sich gefallen lässt und was nicht, wann man das Zimmer verlässt oder wann man etwas Besseres zu tun hat, als das kranke Spielchen mitzuspielen. Eines sollte man allerdings nicht tun, diese Grenzen der toxischen Person zu kommunizieren, denn das ist wie ein rotes Tuch für diese Fieslinge und eine Einladung dich zu quälen, indem sie genau das tun, worum du sie gebeten hast es nicht zu tun.
Leider wird in unserer Welt eher toxisches Verhalten, nicht zuletzt durch unsere stille Zustimmung, gefördert, anstatt wahre innere Stärke und tatsächliche menschliche Größe hochzuhalten. Wie Jesus die Händler aus dem Tempel vertrieben hat, sollten wir vielleicht auch überlegen, ob wir toxisches Verhalten nicht anprangern sollten, um diesem üblen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Ob wir vergeben oder nicht steht jedem frei, aber wir sollten es nicht aus falscher Überzeugung tun.
Wie immer freue ich mich über eure Kommentare und wünsche euch alles Gute auf eurem Lebensweg. NAMASTE!






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